Kunst darf kein Luxus sein.

Diskussionsveranstaltung im DGB-Haus.

Kultur sei keine Orchidee, die sich eine Gesellschaft leistet, sondern Kultur hielte die Gesellschaft im Innersten zusammen. Teilhabe an Kultur sei ein Grundrecht, wenn nicht gar ein Menschenrecht, so Peter Jakobeit von „Kultur für alle“ in seinem Eingangsstatement.

Uli Rabeneick vom Sozialunternehmen Neue Arbeit führte durch den spannenden Diskussionsabend. Der Künstler Albrecht Weckmann, Jan Frier, Bonuscard-Inhaber und Peter Jakobeit von „Kultur für alle“ saßen auf dem Podium.


Zu Beginn machte Uli Rabeneick anhand einiger Zahlen deutlich, dass Armut in der reichen Stadt Stuttgart ein Riesenthema ist. Über 72.000 Stuttgarter Bürger wären aktuell Inhaber der Bonuscard, die an der Armutsgrenze leben. Täglich würden 2000 Menschen in den Stuttgarter Tafelläden 22-30 Tonnen Lebensmittel einkaufen, um irgendwie über die Runden zu kommen.

Der Künstler und Bildungsreferent Albrecht Weckmann beleuchtete die prekäre Lage der Kunstschaffenden. Die 63.000 in Deutschland tätigen Künstler verfügten lt. einer Studie von ver.di über durchschnittlich 11.500 Euro jährlich. Weckmann bezeichnet die armen Künstler als akademisches Prekariat, sie nähmen nicht am Reichtum der Stadt Stuttgart teil. Das Thema Mindestlohn wäre unter Künstlern überhaupt kein Thema.

Jan Frier, arbeitslos und Bonuscard-Inhaber sagte, dass Kultur teuer sei. Er sei darum eigentlich weit weg von Kultur. Er müsse jeden Cent dreimal umdrehen. Wenn die Rolling Stones ein Konzert gäben, dann würde er das wohl wahrnehmen aber für sich ausschließen. Kultur ist für ihn zwar Teil des Lebens und käme bei ihm zu kurz. Er wies darauf hin, dass bei vielen Kulturveranstaltungen Konsumzwang bestehe. So wäre die Veranstaltung doch nicht kostenlos, auch wenn er eine Freikarte bekommen würde.

Der Hinweis von Uli Rabeneick, dass jede in Stuttgart ausgegebene Opernkarte mit durchschnittlich 161 Euro subventioniert würde und die Oper überwiegend von Gutverdienenden besucht würde, entfachte eine lebhafte Diskussion.

Peter Jakobeit warnte vor einer Neid-Debatte und auch vor einer Kosten-Nutzen-Debatte. Die Stadtgesellschaft bräuchte Hochkultur und Basiskultur als Lebenselixier in seiner ganzen Bandbreite.

Ein Mitarbeiter des Hans-Sachs-Hauses, in dem alleinstehende Männer in sozialen Schwierigkeiten leben, berichtete von seinen vergeblichen Versuchen, die Hausbewohner zur Teilnahme an einer hochkarätigen und kostenlosen Veranstaltung zu bewegen. Es gäbe neben dem Geld auch kulturelle Hürden, die den Zugang zur Kultur verwehren würden.

Kinder müssten darum in Kindergarten und Schule und anderen Orten an Kunst- und Kultur besser als jetzt herangeführt werden, forderte Albrecht Weckmann, der am landesweiten Aufbau der Kunstschulen beteiligt war.

Das Fazit des Abends: Kultur steht sowohl auf der Seite der Kulturschaffenden, als auch auf der Seite der Kulturrezipienten in prekären Verhältnissen.
Peter Jakobeit berichtete, dass die Kulturstiftung des Bundes nur Projekte fördere, die die beteiligten Künstler mindestens nach Tarif entlohne. Das wäre doch ein Modell, das Schule machen könnte.
Bleibt nur zu hoffen, dass arme Kunstkonsumenten im Sinne einer gerechteren Umverteilung auch mehr Geld bekommen, um Kultur bezahlen zu können. Kultur muss, wenn sie die Gesellschaft weiter im Innersten zusammenhalten soll, auch für Arme bezahlbar sein und Künstler müssen ausreichend bezahlt werden.
Die Veranstaltung war Teil des Begleitprogramms von Kunst trotz(t) Armut.